wie wir einmal viel vom Land sahen

Der Plan war: ein Wochenende Papa für die Kinder und ein Wochenende me-Time für mich und dann einmal quer durch die Republik zu Oma fahren. Da ein bis drei Nächte bleiben und dann das große Kind dort lassen (Oma bringt es heim nach ein paar Tagen Exklusivurlaub) und mit dem jüngeren Kind zurück fahren. So weit zur Theorie.

Aber die Praxis… nunja.

Freitags nachmittags schon kam die erste Nachricht vom Sohn „ich will sofort nach Hause“ – Tja, ging nicht. Er hätte zu mir kommen können aber nach dem Wochenende steht noch Oma auf dem Plan.

Die me-Time entpuppt sich als tolle Insel, ich bin maximal erholt, trotz arg wenig Schlaf.

Sonntag: Aufbruch zu Oma. Der Sohn ist schon sehr überlastet, fügt sich aber in sein Schicksal, eigentlich freut er sich auch auf Oma. Sonntag Abend, Ankunft bei Oma. Beide Kinder bestens gelaunt, ich habe noch ein bisschen zu tun, da kündigt der Sohn mir schon an, dass wir am nächsten Morgen gleich heim fahren dürfen.
Oma erzählt der großen Tochter derweil, dass sie nicht eine sondern 3 Nächte im Hotel gebucht hat.
Tochter bekommt Angst, flüstert mir ins Ohr, dass sie das nicht will. Ich versuche sie zu ermuntern, seit einem Dreivierteljahr vorfreut sie sich auf diese Woche Urlaub mit Oma.

Montag Morgen, ein aufgelöstes Kind sitzt weinend auf meinem Schoß. „ich will mit dir nach Hause, können wir noch 1-2 Tage hier bleiben und dann fahre ich mit dir? Ich will nicht ins Hotel. Ich hab Angst. Und außerdem, die Bettwäsche riecht komisch“
Opa hört den Satz und erklärt, dass das Bett frisch bezogen sei. Tja, hilft ja nix, wenn dort ein parfümiertes Waschmittel verwendet wird oder es nach Schrank riecht, oder vielleicht auch nur, weils anders ist.
Der Sohn kommt dazu „heute fahren wir, ich hab schon gepackt“ Die Tochter versucht nochmal mich auf morgen umzustimmen, aber ich hatte das mit dem Sohn schon vorher abgemacht… ich denke mir: „ich bin nicht mal vor 12 Stunden angekommen… nach 300km gestern wollt ihr heute gleich wieder 500km fahren? Vor allem: wofür noch mal sind wir eigentlich hier her gekommen?“

Noch einmal versuche ich die Tochter umzustimmen. Das Hotel ist gebucht, Oma hat sich Mühe gegeben, ein schönes Kulturprogramm auszuwählen. Aber es führt kein Weg dran vorbei. Jeder Wunsch, noch ein bisschen länger zu bleiben, wird inzwischen in den Wind geschlagen. Wir packen. Oma ist enttäuscht, versucht sich aber nichts anmerken zu lassen.

Montag um 9 Uhr morgens rollen wir bereits wieder, zwei gutgelaunte Kinder hinter mir. Wir fahren gemütlich, machen die obligatorische Burgerkingpause, besuchen noch einen Freund und sind abends gut gelaunt aber müde (also ich) zu Hause.

600km Umweg binnen 12 Stunden.

Oma ist nachhaltig beleidigt. Aber das ist mir egal. Ich hatte ein schönes langes Wochenende, sieht man von der Tankfüllung ab und dem CO2-Abdruck den diese Fahrt hinterlassen hat.

Ich hatte meine Insel und ich konnte noch einige Tage davon zehren. 🙂

„aber deine Kinder brauchen doch keine Pflege?“

Ich sprach mit einer Freundin über den Stress, den 24-Stunden-Job und dass wir dringend Entlastung brauchen. Dass das vermutlich sogar von der Kasse bezahlt werden würde, es nennt sich Entlastungspflege.

Ich bin neu in diesem Bereich. Kenne nicht alle Möglichkeiten, die so ein Pflegegrad mit sich bringt. Ich hatte da große Hoffnungen in das Beratungsgespräch des Pflegedienstes gelegt aber wenige Tage vor dem Termin schlug Corona zu und der Termin wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Also keine Beratung. Und keine Entlastung. In Coronazeiten noch weniger.

Menschen außerhalb erkennen nicht, wieviel Arbeit, wieviel emotionaler Stress es sein kann mit autistischen Kindern. Besagte Freundin hat ein Baby, sie kennt das mit den schlaflosen Nächten. Aber dass sie, nach all dem was sie von uns mitkriegt, noch sagt „die brauchen doch keine Pflege“ das hat mich tatsächlich überrascht.

Nein, Pflege in dem Sinne ist es nicht. Sie ziehen sich mehr oder minder selbst an, sie schaffen es selbst aufs Klo, zumindest meistens. Aber sie brauchen permanente Betreuung. Man muss immer in Hörweite sein, man kann kaum was unternehmen, spontan schon gleich drei mal nicht. Man muss ständig auf der Hut sein, Overloads abzufangen und Meltdowns zu begleiten, Panikattacken zu verhindern.

Das ist zwar nicht Pflege im Sinne von füttern und Po abwischen, aber es ist das, wo die pflegenden Personen auch entlastet werden müssen.

homeschooling

Da haben sich schon viele drüber ausgelassen. Auch über die Kombination Autisten plus homeschooling.

Homeschooling bedeutet hier 1:1 Betreuung, Ansprechpartner sein. Material vorsortieren und den Papierberg direkt mal dezimieren. Keine Sekunde unaufmerksam sein weil ein Overload schnell erkannt werden sollte um zu verhindern, dass es ein Meltdown wird. Was binnen Sekunden passieren kann, sobald es um Schulsachen geht.

Im Zweifel alle Zettel wegwerfen und online gucken, ob es zu genau dem Lerninhalt und dem Thema vielleicht Lernspiele gibt.
3 Blätter zum kleinen Einmaleins? Neee, machen wir mündlich, so verdient sich das Kind Computerspielzeit.

Das Thema Wortfelder und wie viele Worte fallen mir für „essen“ noch ein? „Was ein Scheiß Mama, das mache ich nicht.
Und die Geschichte von der Lehrerin, die lese ich auch nicht. Langweiliger Babykram mit Prinzessinnen. Sowas gibts doch gar nicht.“

Die Lehrer peppen die Arbeitsblätter mit lustigen Bildern auf? Lieb gemeint, aber jeder inhaltliche Fehler im Bild wird auf den ersten Blick indentifiziert und da brauche ich dem Kind auch nicht damit kommen, dass der Künstler sich halt nicht zu 100% an die Geschichte gehalten hat, als er das Bild dazu malte. Künstlerische Freiheit? Nix da. Wenn in der Geschichte das Haus ein rotes Dach hat, darf auf dem Bild kein schwarzes Dach sein. Geht gar nicht. Im schlimmsten Fall wird die Aufgabe dann verweigert.

Ich jubele gerade innerlich, weil aktuell nur Themen dran kommen, die der Sohn schon kennt. Die Wiederholung der Klasse hatte dann doch mal was Gutes. So braucht er nicht viel Auffrischung, bis er sich wieder erinnert.

Das ist aber auch das einzig Gute an diesem ganzen Homeschooling. Es gab schon Tage, da hätte ich morgens um 10 schon wieder ins Bett gehen können, so fertig war ich.

Ergotherapie

Es ist 8:07 und eigentlich sollte ich meinen Kaffee schneller trinken. Weil ich um 8:30 aus dem Haus muss um meinen Sohn zu seiner Ergotherapie zu fahren. Er ist therapiemüde, hat keine Lust dahin zu gehen. Der Funke zu dieser Therapeutin ist nie übergesprungen aber es ist hier in der Stadt die Einzige, die diese sensorische Zusatzqualifikation hat auf die beim Sohn so viel Wert gelegt wird.
Diese Therapeutin versucht aber immernoch, ihn in Schubladen zu stecken. „Alle Kinder mögen Puzzles“ und „es ist wichtig für Hirn und wasweißichwas, dass er lernt, Lego nach Anleitung zusammenzubauen.“

Die gleiche Therapeutin sagte aber auch „ich hab extra was leichtes ausgesucht aber er hat sich einfach auf den Boden gelegt und war nicht mehr ansprechbar“ oder „er hat es einfach verweigert“

Liebe gute Frau. Ich dachte eigentlich, ich hätte es mit einer erfahrenen Fachkraft zu tun. Qua Ausbildung hatte ich tatsächlich erwartet, dass Sie mehr über das Autismus-Spektrum wissen, als ich. Nicht dass ich Ahnung habe von einer Ergotherapeutenausbildung aber ich hatte das so erwartet. Ich habe ja „nur“ meine zwei autistischen Kinder. Habe „nur“ viele Bücher gelesen. Habe „nur“ mit Fachleuten gesprochen. Aber nie eine Ausbildung gemacht. In allem was ich weiß, bin ich weitgehend spezialisiert auf meine Kinder. Darauf, dass unser Alltag irgendwie funktioniert. Aber auch wenn es heiß „Kennste einen Autisten, kennste einen Autisten“ – das ein oder andere hätte Ihnen doch klar sein müssen. Spätestens nach unserem Erstgespräch, für das ich mir viel Zeit genommen hatte um klar zu machen, worum es bei meinem Sohn geht.

Auf Ellas Blog las ich von einer anderen Ergotherapeutin die viel Erfahrung mit Autisten hat. Und ich war neidisch. Ich will diese Therapeutin für meine Kinder. *seufz*

Meine Insel heute morgen:

Bloggen. Kurz sitzen bleiben am Rechner, den Kaffee trinken und dann halt gleich etwas schneller die Haare kämmen bevor ich los muss.

Inselperspektiven für heute: die Sonne scheint. Ich werde später draußen sein und den Frühling genießen.